Dr. Guillaume Brachet ist ein äusserst vielbeschäftigter Unternehmer: Neben der Leitung seines eigenen Unternehmens wird er häufig für Interviews im Fernsehen und Radio eingeladen und ist ein gefragter Redner auf wissenschaftlichen Konferenzen. Wir hatten das grosse Glück, mit Guillaume Brachet über sein Buch und allgemein über das Leben mit der Parkinson-Krankheit sprechen zu dürfen.
InnoMedica: Lieber Dr. Brachet, Sie sind Autor des sehr inspirierenden Buches „Parkinson à 30 ans“. Was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?
Guillaume Brachet: Hauptsächlich habe ich das Buch für andere Patienten geschrieben. Denn wenn man die Diagnose Parkinson erhält, hat man zunächst das Gefühl der Verzweiflung – dass nichts passiert: Man hat nur Medikamente, um die Symptome zu behandeln, aber nicht die Ursachen der Krankheit. Ich habe 500 wissenschaftliche Artikel über Parkinson gelesen und wollte meine Erkenntnisse weitergeben – den Lesern zeigen, woher ich komme und warum meine Worte für Patienten relevant sind. Und ich wollte zeigen, dass es Gründe zur Hoffnung gibt – Hoffnung auf eine Heilung in, sagen wir, dem kommenden Jahrzehnt.
Welche Reaktionen haben Sie auf Ihr Buch erhalten?
Ich habe viele Anrufe, E-Mails und Briefe bekommen, in denen mir für das Buch gedankt wurde. Ich hatte sehr schöne Kontakte mit vielen Menschen, die mir sagten, dass ihnen das Buch Hoffnung gegeben und ihr Lächeln zurückgebracht hat. Daher glaube ich: Ganz gleich, wie viele Menschen es lesen – das Buch hat seinen Zweck bereits erfüllt.
Es dauert lange, ein solches Buch zu schreiben. Wie hat der Schreibprozess Ihre Denkweise verändert?
Zuerst habe ich gar nichts gespürt. Aber dann begann sich mein Leben zu verändern: Ich musste eines der symptomatischen Medikamente absetzen, weil ich einfach zu viel arbeitete und weil es einen möglichen direkten, suchterzeugenden Zusammenhang zur Therapie gab. Zudem bekam ich familiäre Probleme. Das Buch hat mir geholfen, die Krankheit, mit der ich diagnostiziert wurde, zu akzeptieren. Jetzt ist mein Zustand öffentlich, kein Geheimnis mehr. Dass mein Buch öffentlich zugänglich ist – in Bibliotheken usw. – hat mir geholfen, mit meiner eigenen Behinderung umzugehen.
Im Buch beschreiben Sie, wie Sie auf der Loire stromaufwärts gerudert sind, um Geld für den Start Ihres Unternehmens zu sammeln. Sie hatten auf dem Fluss viel Zeit zum Nachdenken. Woran haben Sie gedacht?
Ich bin wirklich eins mit dem Fluss geworden. Schlag für Schlag kam ich meinem Ziel näher, egal ob Sonne oder Regen. Und ich hatte Zeit, darüber nachzudenken, wie sich das Projekt entwickeln würde. Wie hoch war die Chance, dass die Experimente, welche wir planten, erfolgreich sein würden? Ausserdem versuchte ich, Kontakt zu den Medien aufzunehmen. Es war also Arbeit – aber die Zeit auf dem Wasser war zugleich die Zeit, in der man denkt, während man atmet und rudert. Insgesamt eine sehr wertvolle Zeit, um mit sich selbst in Verbindung zu kommen.
Hat Ihnen die Zeit auf dem Fluss auch geholfen, Ihre Krankheit zu akzeptieren?
Ja – nicht nur zu akzeptieren, sondern auch, mit ihr zu leben. Wissen Sie, es geht nicht nur darum zu sagen: „Okay, ich bin behindert.“ Es geht darum, neue Wege zu finden, Dinge zu tun: Ich musste wieder laufen lernen – etwas, das ich seit über 30 Jahren nicht mehr wirklich getan hatte. Als ich aus dem Haus ging, musste ich mich an der Wand festhalten. Ich musste neu lernen, wie man einen Fuss vor den anderen setzt: Bein anheben, Fuss nach vorne, aufsetzen, Gleichgewicht halten. Man muss nicht nur akzeptieren, dass man eingeschränkt ist – man muss Strategien entwickeln, um diese Einschränkungen zu umgehen und Bewegung wieder möglich zu machen.
In Ihrem Buch betonen Sie die Bedeutung von Sport. Wie hat Ihnen Sport konkret geholfen?
Im Sport scheitert man oft – und man lernt, dass Scheitern einen nicht aufhalten muss. Man beginnt damit, zu akzeptieren, dass man Anfänger ist. Man lernt, zu scheitern. Man lernt, es erneut zu versuchen. Es ist mehr eine Geisteshaltung als eine körperliche Fähigkeit.
Sie sind selbst von Parkinson betroffen. Wie hat das Ihre Art beeinflusst, Ihr Unternehmen zu führen und Arzneimittel zu entwickeln?
Ich denke nur an Geschwindigkeit. Das ist mein einziger Antrieb. Alles dreht sich darum, wie schnell wir von einer Hypothese zur Überprüfung kommen. Ich studiere jedes Experimentprotokoll, das wir durchführen, und bespreche es mit Experten: Erhalten wir mit jedem Experiment die richtigen Antworten, die richtigen Informationen zur richtigen Zeit? Und ich habe die richtigen Menschen gefunden, die mir helfen. Anfangs wusste ich ja gar nicht, welche Kompetenzen ich überhaupt brauche – also brauchte ich Leute, die wussten, worauf man achten muss.
Trotzdem gehört eine besondere Einstellung dazu, ein Unternehmen zu gründen.
Stimmt. Ich sehe viele universitäre Start-ups, die aus Forschungslabors hervorgehen. Die Leute führen ihre Firma nebenbei – am Labortisch. Das ist, als würde man sagen: „Ich stecke da ein paar Stunden pro Woche rein, das wird schon funktionieren.“ Aber irgendwann merken sie: Das wird nicht funktionieren. Man muss ganz einsteigen. Man muss sich bewusst sein, dass es mehr als nur ein Job ist – es sind alle Jobs in einem.
Sie wurden sehr früh mit Parkinson diagnostiziert. Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der in Ihrem Alter ebenfalls die Diagnose erhält? Oder allgemein jedem Parkinson-Patienten?
Das Erste ist: Akzeptieren, dass alles Zeit braucht – sich anzuziehen braucht Zeit, zu essen braucht Zeit. Man muss akzeptieren, dass man diese Dinge nicht beschleunigen kann. Man wird eine Weile nicht „okay“ sein. Dann beginnt man, das zu akzeptieren – bei mir hat das drei Jahre gedauert.
In unserem Leben versuchen wir ständig, die Zeit zusammenzupressen, alles schneller zu machen. Aber hier gibt es etwas, das nicht schneller geht – in deinem Gehirn. Es ist in Ordnung, nicht in Ordnung zu sein. Man muss sich die Zeit nehmen, Dinge zu akzeptieren und mit der Krankheit zu leben.
Auch Freunde brauchen Zeit. Sie müssen lernen zu akzeptieren, dass sie mir nicht helfen können. Sie fühlen sich unwohl mit meinem Zustand, mit der Art, wie ich gehe. Sie bedauern mich sehr – das hat mich zuerst traurig gemacht. Aber jetzt denke ich: Das ist ihr Problem. Ich habe meinen Zustand akzeptiert, sie mussten das ebenfalls tun. Es hat auch bei ihnen Zeit gebraucht.
Mit meinem Start-up kann ich nach Lösungen suchen. Das hilft mir, aktiv zu bleiben und gegen die Krankheit anzukämpfen.
Wie schaffen Sie es, die Leitung eines Start-ups mit der Parkinson-Krankheit zu vereinbaren?
Man muss Prioritäten setzen. Man muss seine Kämpfe auswählen. Wenn ein Meeting nicht wichtig ist, verschiebe oder streiche ich es.
Wir fühlen uns sehr geehrt, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch genommen haben!
Wir kämpfen denselben Kampf! Wir teilen eine ähnliche Sicht auf die Parkinson-Krankheit. Ich glaube, dass die Heilung nicht darin liegt, einzelne genetische Varianten zu „mikromanagen“. Es geht darum, den zugrunde liegenden Mechanismus zu finden. Ich bin überzeugt, dass das Prinzip, das Parkinson verursacht, in gewisser Weise für alle Menschen gilt. Es ist wie Rost an einem Auto: Jedes Auto ist betroffen, und irgendwann führt der Rost zu einem Defekt. Je nach Schwachstelle des Autos ist der Defekt ein anderer. Altern ist wie Rosten.